Regierung
Stocker entschuldigt sich: "Mein Satz war falsch"
Knalleffekt in der Debatte über den Wert von Frauenarbeit: Kanzler Christian Stocker zieht seine Aussagen zurück und entschuldigt sich.
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Hier die ungekürzte Aussendung des Kanzlers:
„Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch. Bei all jenen, die sich durch meine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich in aller Deutlichkeit.
Kinderbetreuung ist Arbeit. Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges.
Ganzes Video: Stocker-Sager
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Familie ist aber kein Unternehmen und kein Job, wo man nach getaner Arbeit das Büro verlässt. Der Lohn ist nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und in unzähligen gemeinsamen Momenten. Meine Frau und ich haben unsere zwei Kinder gemeinsam großgezogen und wir waren in dieser Zeit beide berufstätig. Ich weiß, wie sehr einen diese Aufgabe fordert. Ich weiß, was es heißt, ein Kind die ganze Nacht herumzutragen, wenn es krank ist. Ich weiß, wie es ist, wenn beide gleichzeitig krank sind. Aber ich weiß auch, wie schön es ist, wenn sie gehen lernen, wie stolz sie sind auf ihre Leistungen, aber auch, wie herausfordernd es ist, wenn sie ihre Grenzen austesten. Ich weiß, wie sehr sich diese Arbeit lohnt. Familie ist nun mal kein Business Case. Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt und gemeint.
Stocker-Entschuldigung
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Mütter, Väter, Großeltern – sie alle leisten bei der Betreuung und Erziehung unserer Kinder einen unermesslichen Beitrag für unsere Gesellschaft und die Zukunft unseres Landes. Dafür verdienen sie unseren Dank, unsere Hochachtung und unsere Unterstützung.“
Der Aufreger
Stocker hatte am Donnerstag bei einem Auftritt in Salzburg von einer Zuseherin darauf angesprochen, was er für Mütter zu tun gedenke, gemeint: "Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit." Er habe seine Kinder nicht als Rechenspiel erzogen, "was kriege ich dafür".
Das Transkript des Stocker-Sagers:
Wörtlich sagte Stocker: "Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen. Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen. Wenn wir Familien als Business Case sehen, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe. Familie ist Verantwortung für einander, Familie ist Ja zueinander zu sagen, Familie ist etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel."
Mikl-Leitner verteidigt Kanzler
VP-Frauenchefin Juliane Bogner-Strauß betonte in einer Aussendung die Klarstellung Stockers und meinte: "Unser Auftrag als Politik ist es, die Leistung der Mütter zu würdigen und Frauen bestmöglich zu unterstützen: mit einer guten Kinderbetreuung, echter Wahlfreiheit und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf." Davor war schon Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) Stocker zur Seite gesprungen: "Ich kenne unseren Kanzler so, dass er meint, dass unsere Kinder für uns Eltern bei aller Arbeit, aber vor allem noch viel mehr Freude bedeuten. Und so würde ich ihn auch verstehen."
Anders verstanden ihn die übrigen Parteien. NEOS-Familiensprecherin Gertraud Auinger-Oberzaucher widersprach Stockers Aussage und betonte, dass Kinderbetreuung natürlich Arbeit sei, wenn auch eine verantwortungsvolle und oft auch harte Arbeit. Es sei laut Auinger-Oberzaucher Aufgabe der Politik, die richtigen Rahmenbedingungen für die Kindererziehung und -betreuung zu schaffen.
Auch bei SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz stießen Stockers ursprüngliche Äußerungen auf Unverständnis. Unbezahlte Arbeit solle man endlich sichtbar machen statt kleinzureden. "Wer so spricht, blendet die Lebensrealität vieler Frauen aus. Kinderbetreuung ist keine Nebensache, sondern harte Arbeit. Und zwar unbezahlt mit Folgen für Einkommen, Karriere und Pension." Das zeigt laut Schatz auch der am Sonntag kommende Equal Pension Day, der darauf aufmerksam macht, dass Frauen im Durchschnitt um 39,4 Prozent weniger Pension erhalten als Männer. Schatz fordert eine rasche Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie, einen Ausbau der Kinderbetreuung und mehr Verantwortung bei den Vätern.
FPÖ-Chef Kickl sieht eine "Verhöhnung der Mütter"
Auch die Opposition scheut sich nicht mit Kritik. Laut FPÖ-Obmann Herbert Kickl würde der Bundeskanzler mit seinen Aussagen Mütter verhöhnen: "Diese ÖVP ist völlig empathielos, familienfeindlich und Lichtjahre von der Lebensrealität der eigenen Bevölkerung entfernt", so der FPÖ-Chef in einer Aussendung. FP-Familiensprecherin Ricarda Berger forderte eine rasche und spürbare Entlastung für Familien sowie eine echte finanzielle Anerkennung der Erziehungsleistung. Der freiheitliche Generalsekretär Michael Schnedlitz sah Stocker rücktrittsreif.
Seitens der Grünen kam Kritik von Bundessprecherin Leonore Gewessler, die ebenfalls entrüstet auf Stockers Aussagen vom Vortag reagiert. Auf Bluesky betone sie, dass Mütter keine Verhöhnung verdienten, sondern eine Entschuldigung. Ebenso sieht es die Frauensprecherin der Grüne, Meri Disoski. Sie fordere eine Entschuldigung des Bundeskanzlers. Auch die Koalitionspartner kritisiere sie: "Ich will von SPÖ und NEOS wissen: Ist das auch ihr Verständnis von Kinderbetreuung? Ich erwarte mir einen klaren Widerspruch", so die Frauensprecherin.
ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende sieht Realitätsferne
Laut der Bundesfrauenvorsitzenden des ÖGB Christa Hörmann offenbart Stocker ein Familienbild, "das Frauen seit Jahrzehnten benachteiligt". Kindererziehung sei Arbeit, alles andere wäre Realitätsverweigerung, so Hörmann. Auch sie betonte, dass diese Aussage wenige Tage vor dem Equal Pension Day die Leistung von Müttern derart kleinrede, dass es an Realitätsferne kaum zu überbieten sei, so Hörmann.
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