Risikogruppen

Rekord-Hitze setzt Pflegeheimen extrem zu

Ältere Frau wischt sich bei Hitze mit einem Tuch die Stirn und hält eine Wasserflasche.
© Getty Images
Hitze ist unsichtbar, ihre Folgen sind es nicht. Die heiße Luft dringt in Wohnungen, Arbeitsplätze und Pflegeheime ein, bleibt oft über Nacht und kann Menschen über Tage oder Wochen belasten.
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Besonders groß ist die Belastung in Pflegeeinrichtungen: Dort treffen ältere, chronisch kranke und eingeschränkt mobile Menschen auf Beschäftigte, die bei hohen Temperaturen körperlich arbeiten und zusätzliche Betreuungsaufgaben übernehmen müssen.

"Eine Hitzewelle ist kein schönes Wetter, sondern ein Extremwetterereignis - genauso wie ein Hochwasser", sagte Gabriel Bachner vom Wegener Center der Universität Graz im Gespräch mit der APA. Wie gefährlich Hitze wird, hängt nicht nur von der Temperatur ab. Gesundheit, Einkommen, Wohnsituation, Beruf und soziale Kontakte entscheiden mit darüber, wie gut sich jemand schützen kann. Wer besonders gefährdet ist und zu sogenannten vulnerablen Gruppen gehört, lässt sich nicht an einer einzigen Eigenschaft festmachen. Eine rüstige ältere Frau, die im Erdgeschoss in einer begrünten Umgebung wohnt, gut in ein soziales Netzwerk eingebunden ist und weiß, wie sie sich bei Hitze verhalten soll, könne weniger gefährdet sein als eine jüngere Person, die allein und psychisch erkrankt in einer schlecht gedämmten Dachgeschosswohnung lebt. "Es ist nicht immer nur dieser eine Faktor, der zählt, sondern eine Überlappung von Faktoren", sagte Bachner.

Er leitete das Forschungsprojekt "DISCC-AT", das die Verteilung von Klimarisiken in Österreich untersuchte. Das Team kombinierte Interviews mit Sozial- und Pflegeorganisationen mit kleinräumigen Daten zu Einkommen, Alter, Beruf und Klima. Daraus entstanden verschiedene Hitzerisikoprofile. Dazu zählen etwa armutsbetroffene Menschen in schlecht ausgestatteten Mietwohnungen, Alleinerziehende mit wenig Geld und Zeit, Menschen mit körperlich belastenden Berufen im Freien, chronisch kranke Menschen sowie ältere Personen mit geringem finanziellen Spielraum. Wer etwa wenig verdient, kann sich möglicherweise keine Klimaanlage leisten und auch nicht regelmäßig Eintritt für ein Schwimmbad bezahlen. Die Profile sollen greifbar machen, warum zwei Menschen am selben Ort sehr unterschiedlich von Hitze betroffen sein können.

"Wenn Hitze im Heim ist, bleibt sie"

Wie mehrere Risikofaktoren zusammenwirken, zeigt sich in Pflegeheimen. Dort treffen hohes Alter, chronische Erkrankungen, eingeschränkte Mobilität und komplexe Medikamenteneinnahme auf Gebäude, die häufig nicht für wochenlange Hitzeperioden ausgelegt sind. Das von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG geförderte Projekt "multiSENSE" hat kürzlich die Hitzebelastung in acht Pflegeheimen untersucht. Ein Team rund um die Gesundheitspsychologen Andreas Schwerdtfeger und Katja Čeplak hat unter anderem Raumklima, Vitalzeichen - etwa mit einer EKG-Studie - und die Wahrnehmung der Bewohner erhoben. Hinzu kamen Interviews mit Beschäftigten und Heimleitungen.

Die umfassende Auswertung steht noch aus. Was sich aber schon erkennen lässt, so Projektmitarbeiterin Katja Čeplak: "Hitze in Pflegeheimen ist ein Problem und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Wenn die Hitze einmal im Heim ist, bleibt sie auch dort über den Sommer", sagte sie. Früher seien hohe Temperaturen oft nur einige Tage lang ein Problem gewesen, inzwischen zögen sich Hitzeperioden teilweise über Wochen.

In den untersuchten Einrichtungen wurden wiederholt 28 bis 30 Grad gemessen. Neben den Bewohnern sei auch das Personal belastet. Gleichzeitig entstünden zusätzliche Aufgaben: Beschäftigte müssten Getränke anbieten, Kleidung wechseln, öfter duschen, lüften und Räume abdunkeln. Beschäftigte hätten in den Interviews davon gesprochen, während des Sommers "zehn zusätzliche Hände" zu benötigen, berichtete Čeplak. Während sie auf die Bewohner achteten, kämen sie selbst kaum zu Pausen.

Klimawandelanpassung scheitert oft am Budget

"Die Pflegeheime machen alles, was sie können, aber sie kommen wirklich an ihre Grenzen", betonte Čeplak. Manche stellten Becken zur Kühlung der Füße auf, schafften Pflanzen an oder veränderten den Speiseplan. Bei langen Hitzewellen und Gebäuden, die nicht für die heutigen Temperaturen errichtet worden seien, reichten diese Maßnahmen jedoch irgendwann nicht mehr aus. Hitze belaste Bewohner körperlich und psychisch. Ältere und chronisch kranke Menschen könnten ihre Körpertemperatur häufig schlechter regulieren. Manche Bewohner nähmen die Hitze und die damit verbundene Gefahr zudem nur eingeschränkt wahr.

Die Einrichtungen wünschten sich vor allem außen liegende Jalousien, Beschattung und Begrünung, bessere Lüftung, Klimaanlagen, kühlere Pausenräume und leichtere Arbeitskleidung. Selbst einfache Maßnahmen scheiterten jedoch oft am Budget. Nötig seien auf Gebäude, Umgebung und Bewohner abgestimmte, ganzheitliche Konzepte. "Es hilft kein kühler Waschlappen im Nacken mehr, wenn eine Hitzewelle drei Wochen dauert", sagte Čeplak. Es gebe nicht eine einzige Lösung, sagte Schwerdtfeger. "Es braucht vielmehr individuelle Lösungen."

Das Projekt "multiSENSE" soll bis Ende dieses Jahres zeigen, wie Hitze Bewohner und Beschäftigte auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene belastet. Langfristig sollen die unterschiedlichen Daten in ein Informationssystem einfließen. Mithilfe Künstlicher Intelligenz könnten etwa Raumklima, Vitaldaten, Bewegungsdaten und subjektive Wahrnehmungen verbunden werden. Das System könnte künftig Belastungen frühzeitig erkennen und entsprechende Warnungen oder Empfehlungen liefern.

Hitzekümmerer und konsumfreie Kühlräume

Außerhalb von Pflegeeinrichtungen brauche es ebenfalls gezielte Lösungen, betonte Bachner von der Uni Graz. Ein Beispiel seien sogenannte Hitzekümmerer. Angehörige oder gefährdete Personen könnten sich freiwillig registrieren und würden während einer Hitzewelle regelmäßig kontaktiert oder besucht. Denkbar seien zudem mehr frei zugängliche, barrierefreie Kühlräume in öffentlichen Gebäuden. Informationen über Hitzewarnungen müssten verschiedene Bevölkerungsgruppen tatsächlich erreichen. Pflegedienste und Sozialorganisationen bräuchten mehr Ressourcen. Bei der Stadtplanung wiederum helfen Bäume, beschattete Plätze, entsiegelte Flächen und begrünte Gebäude. Bachner warnte aber davor, Hitze nur als städtisches Problem zu sehen. Auch in ländlichen Gebieten könnten Wohnungen und Arbeitsplätze stark überhitzen.

Welche Maßnahmen besonders dringend sind, sollte laut Bachner möglichst auf lokaler Ebene entschieden werden. Gemeinden wüssten, wo sich Hitzeinseln befinden, welche Schulen kaum beschattet sind, wie Pflegeheime ausgestattet sind und in welchen Ortsteilen besonders belastete Menschen leben. "Das lokale Wissen sollte man anzapfen", sagte der Forscher. Bund und Länder müssten dafür geeignete rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehörten klimataugliche Baunormen, einfachere Genehmigungsverfahren für Beschattung oder Kühlung sowie ausreichend Geld für Gemeinden und Sozialeinrichtungen. Maßnahmen dürften nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern sollten dort ansetzen, wo Menschen besonders belastet sind und über geringe eigene Anpassungsmöglichkeiten verfügen.

Womöglich bald mehr Menschen betroffen

Aus volkswirtschaftlicher Sicht sei es falsch, bei der Klimawandelanpassung zu sparen, sagte Bachner. Investitionen könnten spätere Gesundheitskosten, fehlende Produktivität, Krankenstände und Schäden - etwa in der Infrastruktur oder im Energiesystem - verringern. Bachner zufolge zeigen wirtschaftliche Analysen, dass jeder in Klimawandelanpassung investierte Euro mehr als einen Euro an späteren Schäden vermeiden könne. Das notwendige Wissen und viele Technologien seien bereits vorhanden. Häufig fehle es jedoch an einer dauerhaften Finanzierung.

Ohne ausreichende Anpassung könnte Hitze künftig einen immer größeren Teil der Bevölkerung betreffen. In besonders ungünstigen Klima- und Bevölkerungsszenarien könnten den Berechnungen des Projekts zufolge bis zu zwei Drittel der Bevölkerung in eines der untersuchten Hochrisikoprofile fallen, warnte Bachner. Hitze wäre damit endgültig kein Problem einzelner Randgruppen mehr. Gleichzeitig dürfe Anpassung nicht gegen Klimaschutz im Sinne von Emissionsreduktionen ausgespielt werden: Auch die beste Kühlung und Begrünung stoße bei weiter steigenden Temperaturen an Grenzen.

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