Normalerweise liegt die Nullgradgrenze in den Walliser Alpen während der Sommermonate verlässlich unterhalb von 4.000 Höhenmetern. Unter gewöhnlichen Bedingungen überdauern die Schneefelder an den steilen Flanken des 4.478 Meter hohen Pyramiden-Gipfels daher auch die warme Jahreszeit. Doch eine Kombination aus extremen Witterungsbedingungen sorgte heuer für eine radikale Trendwende: Im vergangenen Winter fiel außergewöhnlich wenig Neuschnee, woraufhin lang anhaltende Hitzewellen zwischen Mai und September das verbliebene Eis massiv angriffen.
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Die Daten des renommierten Schweizer Gletschermessnetzes Glamos belegen das Ausmaß dieser Entwicklung schwarz auf weiß. Die Experten beobachten und vermessen 23 der rund 1.400 Schweizer Gletscher im Detail und berechnen anhand dieser Referenzwerte die Entwicklung für das gesamte Bundesgebiet:
- Extremer Hitzesommer: Die Nullgradgrenze verharrte an 76 Tagen oberhalb der 4.000-Meter-Marke.
- Massiver Volumenschwund: Allein in diesem Jahr schmolzen 5,5 Prozent des gesamten Eisvolumens in den Schweizer Alpen dahin.
- Dramatischer Dickenverlust: Im Durchschnitt ging die Eisdecke um 2,5 bis vier Meter zurück.
- Historischer Rekord: Es handelt sich um den zweitstärksten Eisverlust seit Beginn der Aufzeichnungen vor 140 Jahren – nur das Ausnahmejahr 2022 verzeichnete noch verheerendere Werte.
Glamos fand zu den aktuellen Daten deutliche Worte: Unter derartigen Bedingungen haben die alpinen Gletscher langfristig überhaupt keine Überlebenschance mehr.
Österreich und Deutschland: Akuter Gletscherschwund an der Pasterze
Die alarmierende Situation beschränkt sich keineswegs auf die Schweiz, sondern betrifft den gesamten mitteleuropäischen Alpenbogen gleichermaßen. Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) zog gegenüber dem "Standard" eine ernüchternde Bilanz: Derart massive Rückgänge habe man auf diesen extremen Höhenlagen noch nie zuvor dokumentiert. An der Zunge der heimischen Pasterze am Großglockner wurden Eisverluste von bis zu zehn Metern gemessen.
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Noch dramatischer stellt sich die Lage in Deutschland dar, wo die vier verbliebenen Gletscher innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer gesamten Eisfläche verloren haben:
- Berchtesgadener Alpen: Der Blaueisgletscher und der Watzmanngletscher könnten in naher Zukunft ihren wissenschaftlichen Status als Gletscher gänzlich einbüßen.
- Zugspitzgebiet: Während der Nördliche Schneeferner unaufhaltsam schwindet, behauptet sich der benachbarte Höllentalferner derzeit noch am besten.
- Totalverlust absehbar: Wissenschaftler geben den deutschen Eisresten maximal noch zehn Jahre, bevor die Bundesrepublik vollkommen gletscherfrei sein wird.
Auftauender Permafrost sorgt für Lebensgefahr
Neben dem landschaftlichen Verlust zieht das Schwinden des Eises ernste Sicherheitsrisiken nach sich. Der im Gestein sitzende Permafrost fungiert über Jahrtausende hinweg wie ein natürlicher Klebstoff, der steile Felswände stabilisiert. Taut dieser Untergrund auf, kommt es unweigerlich zu vermehrten Felsstürzen.
Wie gefährlich die Lage ist, zeigte sich am Matterhorn bereits Anfang August: An der Südflanke brach nur rund 570 Meter unterhalb des Gipfels eine massive Felslawine ab. Verletzt wurde damals wie durch ein Wunder niemand. Örtliche Bergführer hatten allerdings bereits im Juli eindringlich vor Besteigungen gewarnt. Seit der historischen Erstbesteigung im Jahr 1865 verging an dem weltbekannten Berg kein einziges Jahr ohne tödliche Unfälle – heuer sind am Matterhorn bereits wieder vier Menschen ums Leben gekommen.
Setzt sich die globale Erwärmung ungebremst fort, dürften die gesamten Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts in den Sommermonaten praktisch schneefrei sein. Für Bergsteiger, Alpinisten und den Tourismus bricht damit eine völlig neue Ära mit unberechenbaren Risiken an.
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