Kritik an Justiz

Warum saß der CSD-Attentäter nicht im Gefängnis?

Abdul B. (21) tötete bei einem Terroranschlag auf den Christopher Street Day in Berlin eine Frau und verletzte 29 Menschen teilweise lebensgefährlich.
© Polizei Berlin/Fotomontage
Der CSD-Terrorist Abdul B. war als IS-Sympathisant polizeibekannt. Ein Experte kritisiert die Berliner Justiz nun scharf für seine umstrittene Freilassung.
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Der 21-jährige Deutsche mit libanesischen Wurzeln steuerte einen Transporter in die Besucher des Christopher Street Days in Berlin. Dabei kam eine Frau ums Leben, 29 weitere Personen wurden teils lebensgefährlich verletzt. Für blankes Entsetzen sorgt nun die Tatsache, dass Abdul B. erst im Mai 2026 wegen Terrorismus – konkret wegen einer "schweren staatsgefährdenden Gewalttat" – zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war und sich somit auf freiem Fuß befand. Das berichtet "Bild".

Die Generalstaatsanwaltschaft hatte gegen das Bewährungsurteil im Vorfeld Berufung eingelegt, eine Entscheidung stand zum Zeitpunkt des Anschlags jedoch noch aus.

Ein Polizeilastwagen transportiert den Transporter nach einem Auto-Anschlag auf die Parade zum Christopher Street Day (CSD) am 26. Juli 2026 in Berlin vom Tatort im Tiergarten ab. Samstagabend gegen 22 Uhr steuerte Abdul B. den Transporter in eine Menschenmenge im Tiergarten, tötete dabei eine Frau und verletzte 29 weitere Personen.
Ein Polizeilastwagen transportiert den Transporter nach einem Auto-Anschlag auf die Parade zum Christopher Street Day (CSD) am 26. Juli 2026 in Berlin vom Tatort im Tiergarten ab. Samstagabend gegen 22 Uhr steuerte Abdul B. den Transporter in eine Menschenmenge im Tiergarten, tötete dabei eine Frau und verletzte 29 weitere Personen. © Getty Images

Radikalisierung und gescheiterte Ausreise

B. war bereits als Jugendlicher wegen Raubes und Körperverletzung aus den Jahren 2019 und 2020 auffällig geworden. Später radikalisierte sich der junge Muslim und versuchte im Mai 2025, sich dem bewaffneten Kampf des IS anzuschließen. Seine Reise führte ihn über die Türkei und einen gescheiterten Versuch nach Mauretanien bis in den Libanon. Dort wurde er festgenommen, von einem Militärgericht für drei Monate eingesperrt und schließlich abgeschoben. Nach seiner Ankunft am Berliner Flughafen im November folgte eine sechsmonatige Untersuchungshaft. Obwohl das Gericht als erwiesen ansah, dass er sich der Terrormiliz anschließen wollte und Propaganda verbreitete, ließ man ihn unter Auflagen wie einem Deradikalisierungsprogramm frei. Die Begründung: Geständnis, Distanzierung vom IS sowie angerechnete Haftzeiten. Es sei zudem zu keiner konkreten Gefährdung gekommen.

Experte spricht von Fehleinschätzung

Terrorismus-Experte Peter Neumann (51) übt im Gespräch mit "Bild"-Vize Paul Ronzheimer nun massive Kritik an dieser Entscheidung. Er bezeichnet es als völlig unverständlich und "total irre", dass eine derart hohes Risiko darstellende Person nur auf Bewährung entlassen wurde. Nach Neumanns Einschätzung habe die Justiz den Fokus zu sehr auf Resozialisierung und zu wenig auf den Schutz der Öffentlichkeit gelegt. Auch die Maßnahme des Deradikalisierungsprogramms sei bei hochradikalisierten, fest entschlossenen Extremisten wirkungslos, da solche Programme nur helfen, wenn jemand wirklich aus der Szene aussteigen möchte.

Schwierigkeiten bei der Überwachung

Auf die Frage, warum ein derartiger Gefährder nicht pausenlos observiert wurde, erklärt Neumann, dass eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung extrem aufwendig sei. In Deutschland gebe es schätzungsweise nicht mehr als zwei Dutzend Personen, bei denen dies lückenlos passiere. Meist setzen die Behörden auf Telekommunikationsüberwachung, gelegentliche Observationen und sogenannte Gefährderansprachen durch die Polizei.

Nach dem Anschlag auf dem CSD konnte der Täter zunächst im Chaos flüchten – ein Muster, das laut Neumann an die Flucht von Anis Amri nach dem Anschlag am Breitscheidplatz erinnert. Der erste Instinkt der Menschen galt den Schwerverletzten auf dem Boden, zudem fand die Tat nicht unmittelbar dort statt, wo Polizeikräfte bereits präsent waren.

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