anzeige
Tauben in Wien mit Pfeilen verletzt - Anzeige erstattet
Die Tauben konnten bislang nicht eingefangen werden. Bei einer Taube steckt ein silberfarbener Pfeil im Körper, bei einer zweiten ein orangefarbener Pfeil im Oberschenkel. Eines der Tiere humpelte stark.
Nach Einschätzung eines Wiener Fachhändlers könnten die Geschosse aus einem Blasrohr stammen. Bei einem Pfeil handle es sich möglicherweise um eine Jagdspitze, deren Verwendung Erfahrung voraussetze.
"Dass diese Tiere vermutlich seit Tagen mit Pfeilen im Körper weiterleben müssen, ist kaum vorstellbar. Wer gezielt auf Tauben schießt, nimmt Schmerzen und langes Leiden bewusst in Kauf", sagt Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins.
"Noch immer werden sie zu Unrecht als 'Schädlinge' abgewertet. Wer Tiere ständig als Problem darstellt, darf sich nicht wundern, wenn Hemmschwellen fallen."
Dabei sind diese Lebewesen mehr als nur die Vögel auf dem Gehsteig
Wer Stadttauben beobachtet, entdeckt Tiere mit einem ausgeprägten Sozialleben. Sie leben in Gruppen, erkennen ihre Artgenossen und bauen enge Beziehungen auf. Besonders eng ist die Bindung zwischen den Partnern. Tauben sitzen nebeneinander, putzen sich gegenseitig das Gefieder und suchen gemeinsam nach Nahrung und Nistplätzen. Die Balz besteht unter anderem aus Gurren, Verbeugungen und ritualisierten Bewegungen. Auch gegenseitiges Schnäbeln und Füttern gehören zur Paarbindung.
Tauben gelten als überwiegend monogam: Ein Paar bleibt meist zusammen, solange beide Partner leben. Stirbt ein Partner oder endet die Bindung, kann eine Taube einen neuen Partner finden. Besonders ausgeprägt ist die Fürsorge für den Nachwuchs: Männchen und Weibchen brüten gemeinsam und teilen die Versorgung der Jungen. Beide Eltern können Kropfmilch bilden, eine nährstoffreiche Substanz, mit der die Küken in den ersten Lebenstagen gefüttert werden.
Tauben sind zudem ausgesprochen lernfähig. Sie können visuelle Muster unterscheiden, Kategorien lernen und einzelne Menschen wiedererkennen. Untersuchungen der Universität Wien zeigten, dass Tauben vertraute und fremde Menschen anhand von Gesichtsmerkmalen unterscheiden können. Sie reagieren auf vertraute Personen anders als auf Fremde, sind vorsichtig und zugleich neugierig und lernen, welche Orte und Menschen sicher oder gefährlich sind.
Tauben waren ursprünglich Haustiere
Stadttauben stammen von der Felsentaube ab, wurden aber über Jahrtausende als Haus-, Brief-, Zucht- und Sporttauben gehalten. Aus entflogenen und ausgesetzten Haustauben entstanden vielerorts wieder selbstständige Populationen. Sie sind deshalb keine Tiere, die plötzlich in unsere Städte eingewandert sind. Der Mensch hat sie gezüchtet, verbreitet und sie letzten Endes sich selbst überlassen.
Auch ihre Anpassung an Städte hat damit zu tun. Häuser, Mauern, Dachböden und Brücken bieten Nischen, die den Felswänden und Vorsprüngen ähneln, an denen ihre Vorfahren brüteten. Ihre Anpassungsfähigkeit macht sie zu erfolgreichen Kulturfolgern.
Nicht von Natur aus "dreckig"
Der schlechte Ruf der Stadttaube hängt auch mit ihrer Ernährung zusammen. Tauben sind von Natur aus vor allem Körner- und Samenfresser. In der Stadt finden sie jedoch häufig Brot, Fast Food, Essensreste und Abfälle. Sie fressen damit teilweise das, was Menschen zurücklassen. Ihre Nahrung ist dadurch oft nicht artgerecht.
Die Stadt Wien weist darauf hin, dass minderwertiges Futter zu Mangelerscheinungen führen kann. Tierschutz Austria empfiehlt Körner und Samen sowie sauberes Wasser. Die Taube ist also nicht deshalb "dreckig", weil sie von Natur aus ein schmutziges Tier wäre. Sie lebt in einer vom Menschen geprägten Umgebung und frisst das, was Menschen übrig lassen.
Vielleicht macht gerade das sie so besonders: Tauben haben gelernt, mit uns zu leben. Sie erkennen einzelne Menschen, finden sich in einer komplexen Stadtlandschaft zurecht, kehren zu vertrauten Orten zurück, leben in sozialen Gruppen und kümmern sich gemeinsam um ihre Jungen. Zwischen Straßenbahn, Beton und Verkehr führen sie ihren eigenen Alltag – mit Partner, Familie und festen sozialen Beziehungen.
Petrovic kritisiert die häufig abwertende Darstellung von Stadttauben, die eigentlich liebenswerte Individuen sind.
Im Fall der beiden mit Pfeilen verletzten Tauben hat Tierschutz Austria Anzeige erstattet. Der Verein bittet darum, verdächtige Beobachtungen sowie weitere verletzte oder tote Tauben oder aufgefundene Pfeile der Polizei oder dem Tierschutzverein zu melden. Mögliche Täterinnen oder Täter sollten nicht selbst angesprochen werden. Gefundene Pfeile sollten möglichst nicht berührt oder gereinigt werden.
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden