Das weltweite Klimaphänomen El Niño steuert auf eine noch nie dagewesene Rekordstärke zu. Satellitenmessungen der US-Raumfahrtbehörde NASA zeigen im östlichen Pazifik bereits einen Anstieg des Wasserspiegels um 30 bis 40 Zentimeter über Normalnull. Gewaltige Mengen an aufgewärmtem Wasser haben eine gigantische Wasserblase im offenen Meer aufgetürmt, die nun die Küstenlinien von Nord- bis Südamerika bedroht.
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Ozeanforscher Thomas Monahan von der Universität Oxford schlägt Alarm. Auf die Frage, wie sich das anstehende Wetterphänomen weltweit auswirken wird, findet er deutliche Worte: "Die Antwort lautet: erheblich. Entlang der Küste von Mexiko bis Ecuador könnte der prognostizierte Super-El-Niño der Jahre 2026 und 2027 den Meeresspiegel vorübergehend um einen Betrag anheben, der vier bis fünf Jahrzehnten des prognostizierten Meeresspiegelanstiegs entspricht – und das in einer einzigen Saison." Nach Einschätzung der Fachleute steht der Höhepunkt erst zwischen November und Dezember bevor, wenn die Wassertemperaturen ihr Maximum erreichen. Entlang der Pazifikküste könnte sich das Risiko extremer Hochwasserereignisse verzehnfachen.
Betroffene Regionen und Pegelstände im Detail
Die stärksten Anstiege verzeichnen die Forscher in Äquatornähe. Auf den Galapagosinseln klettert der Meeresspiegel um 24 bis 40 Zentimeter über den Durchschnitt. Für Küstengebiete in Peru und Ecuador werden Zuwächse von bis zu 33 Zentimetern gemessen. Thomas Monahan warnt vor den direkten Folgen: "In den am stärksten betroffenen Regionen könnte ein Hochwasserstand, der normalerweise etwa alle 52 Tage erreicht wird, bei bis zu der Hälfte aller Hochwasser überschritten werden."
Einzelne Regionen mit ihrem erwarteten Pegelanstieg / -abfall und den möglichen Auswirkungen
- Galapagosinseln (+24 bis +40 Zentimeter): , Zerstörung von Brutplätzen, extreme Überflutungen
- Peru & Ecuador (bis zu +33 Zentimeter): Schwere Küstenerosion, Überflutung von Ortschaften
- Kalifornien (Höchste je gemessene Stände): Gefährdung der Küsteninfrastruktur durch Sturmfluten
- Indonesien & Nordaustralien (-15 bis -20 Zentimeter): Absinken des Meeresspiegels, Dürre- und Brandgefahr
Auch an der Küste von Kalifornien rechnen Experten mit historischen Höchstständen. Zum Vergleich: Während des starken El-Niño-Ereignisses der Jahre 2015 und 2016 peitschten gigantische Riesenwellen von mehr als 15 Metern Höhe an die Küste von Oregon – bis heute der Rekordwert für die Küsten der Vereinigten Staaten. Treffen derart mächtige Dünungswellen nun mit Ausläufern von Springfluten und dem generell erhöhten Grundpegel zusammen, droht den Anrainern ein noch verheerenderes Schadensausmaß.
Gewaltige Kelvin-Wellen und das Planktonsterben im Ozean
Die Ursache der aktuellen Entwicklung liegt tief im Ozean. Gewaltige Wärmepulse, in der Fachsprache als Kelvin-Wellen bezeichnet, wanderten vom westlichen Pazifik über tausende Kilometer ostwärts. Anfang April erreichten sie den östlichen Pazifik, drückten das heiße Wasser an die Küsten Südamerikas und wanderten anschließend nordwärts Richtung Kalifornien. Paul Roundy von der Universität in Albany erklärt gegenüber dem Fachmagazin New Scientist: "Gegenwärtig liegt der Ostpazifik erstaunliche 40 Zentimeter über dem Normalwert, und ein starkes Westwindereignis wird diesen Meeresspiegel in den nächsten Wochen noch weiter nach oben treiben."
Gleichzeitig verändert das Phänomen das Aussehen ganzer Ozeane. Satellitenbilder belegen, dass sich das Wasser am Äquator von leuchtendem Smaragdgrün in ein tiefes Blau verwandelt hat. Der Super-El-Niño blockiert jene Meeresströmungen, die kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche tragen. Ohne diese Nahrung verhungern die winzigen Planktonalgen, die sonst das Meer grün färben. Zurück bleibt ein lebloses, klares Meeresblau.
Historische Wahrscheinlichkeit von 83 Prozent für Rekordjahr
El Niño tritt im Rahmen der natürlichen Klimaschwankung ENSO alle zwei bis sieben Jahre im Wechsel mit La Niña auf. Während dieser Phasen sammeln sich gigantische Massen warmen Wassers vor Südamerika und bringen das globale Wettersystem durcheinander. Nach jüngsten Modellrechnungen der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit bei 83 Prozent, dass der Zyklus für die Jahre 2026 und 2027 der stärkste El Niño seit Beginn der lückenlosen Messungen im Jahr 1950 werden wird.
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