Schock-Studei

So viele Österreicher sind ohne Krankenversicherung

Stethoskop liegt auf einem Tisch, zwei Personen im Beratungsgespräch beim Arzt im Hintergrund.
© Getty Images
In Österreich sind trotz des grundsätzlich bestehenden umfassenden Krankenversicherungsschutzes mehrere tausend Personen ohne Versicherungsschutz.
OE24 auf Google bevorzugen

Das geht aus einer Studie im Auftrag der Gesundheitskasse (ÖGK) hervor, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Gefordert werden Verbesserungen bei der Sozialhilfe, Absicherung von Kindern und Sicherstellungen von medizinischen Notfalleinrichtungen für Betroffene.

Ende 2024 wiesen laut der Studie je nach Szenario bis zu 0,6 Prozent der Wohnbevölkerung (bis zu 57.000 Menschen) keine Absicherung gegen Krankheit auf. "Auszuschließen ist, dass es Null Personen ohne Krankenversicherung gibt, da allein die befragten Ambulanzen einige tausend Patienten behandeln", sagten Studien-Co-Autor Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, bei der Präsentation vor Journalisten. Demnach waren im Jahr 2025 2.697 Menschen ohne Versicherungsschutz beim Gesundheitszentrum AmberMed (Wien) in Betreuung, 2.221 bei der Marienambulanz (Graz) und 96 bei der Virgilambulanz (Salzburg).

"Aus der statistischen Erhebung kann auf ein realistisches Bild von jedenfalls einigen Tausenden bis Zehntausenden ohne Krankenversicherung geschlossen werden", erklärte auch Studienautor Michael Fuchs vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik & Sozialforschung. Die Analysen basieren auf administrativen Daten des Dachverbands der Sozialversicherungsträger und der Statistik Austria. Die qualitative Befragung von nicht krankenversicherten Personen erfolgte in den genannten Gesundheitszentren AmberMed, Marienambulanz, Virgilambulanz sowie Medcare (Innsbruck).

Unterschiedliche Gründe für fehlenden Versicherungsschutz

"Obwohl der Krankenversicherungsschutz in Österreich relativ umfassend ausgestaltet ist, fallen an den Rändern des Systems Personen in außergewöhnlichen Lebenslagen und Statusübergängen aus dem Schutzbereich der Versicherung", erklärte Fuchs. Eine fluktuierende Anzahl von Personen werde aus unterschiedlichsten Gründen von der Krankenversicherung nicht bzw. nicht mehr erfasst: Es handle sich um einen "Mix aus sozialen Benachteiligungen, strukturellen Lücken, fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information", so Schenk. Betroffen sind demnach unter anderem Menschen in prekärer und unsicherer Beschäftigung, Personen in schweren psychischen Krisen, Arbeitsuchende ohne Leistungsanspruch, Studierende oder Österreicher, die nach längerer Zeit aus dem Ausland zurückkehren, und Hilfesuchende, die ihren Sozialhilfeanspruch nicht einlösen.

Oft erst späte Inanspruchnahme von Hilfe

Betroffene würden - aus Angst vor den Kosten oder aus Scham - oft erst spät medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Laut der Stichprobe der Erhebungsblätter suchen 28 Prozent nach Auftreten der ersten Symptome eine medizinische Behandlung erst nach frühestens drei Monaten auf, 19 Prozent überhaupt erst nach frühestens einem Jahr. Grund dafür sind Angst vor unbezahlbaren Rechnungen, ein Mangel an Angeboten, aber auch Scham.

Notambulanzen wichtig für Betroffene

Notambulanzen wie jene von AmberMed, ein Kooperationsprojekt von Diakonie und Rotem Kreuz, in Wien-Liesing seien wichtig für Zugang, Assistenz und Vorbeugung. "Sie begleiten Kranke unkompliziert und verhindern Folgekosten für den Patienten wie für die gesamte Gesellschaft", so Schenk, der auch auf die Notwendigkeit rascher Hilfe hinwies. "Es kann zu größeren gesundheitlichen Problemen kommen, wenn nicht rechtzeitig therapeutisch gehandelt wird."

Die bei AmberMed tätigen Medizinerinnen und Mediziner tun dies auf freiwilliger Basis ohne Bezahlung - etwa pensionierte Ärzte, aber auch jene, die bereits während des Studiums in der Einrichtung Erfahrung gesammelt haben. Für Labor- oder Röntgenuntersuchungen bestehen Kooperationen mit Einrichtungen, die die Untersuchungen unentgeltlich durchführen. Das System funktioniere "nur über ehrenamtliche Arbeit", so eine Vertreterin der Einrichtung.

Geringe Bildung, gesundheitliche Probleme

Die mit Abstand niedrigsten Versicherungsquoten liegen laut den Daten bei den Jüngeren. Am häufigsten sind Personen in der Alterskohorte 20 bis 24 Jahre nicht versichert, gefolgt von den 25- bis 29-Jährigen und den 30- bis 34-Jährigen. Aus den Befragungsdaten geht hervor, dass nicht krankenversicherte Personen - wenn überhaupt - über nur sehr geringe Einkommen verfügen. Dies gelte sowohl für persönliches Einkommen als auch für Haushaltseinkommen.

Auch handle es sich bei den Betroffenen in erster Linie um Personen mit geringer formaler Bildung mit einem hohen Anteil mit höchstens Pflichtschulabschluss. Auffallend sei auch, dass sich die Nichtversicherten seltener in einer Partnerschaft befinden und häufiger alleine in einem Haushalt wohnen dürften. Auch Wohnungslosigkeit bzw. eine prekäre Wohnsituation sei häufig anzutreffen. Stärker betroffen sind Personen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, wobei diese in erster Linie aus EU- bzw. europäischen Ländern kommen.

Gezeigt habe sich, dass das Problem der Nicht-Krankenversicherung bei einem erheblichen Anteil der Klientinnen und Klienten ein sich wiederholendes Problem aus Versicherungszeiten und versicherungslosen Zeiten ist. "Betroffene sind aus gesundheitlichen, psychosozialen oder sprachlichen Gründen häufig auch nicht eigenständig in der Lage, sich um ihre Leistungsansprüche zu kümmern", so die Studienautoren.

Mehrere Maßnahmen gefordert

Zur Verbesserung schlagen die Autoren mehrere Punkte vor. Ein Problem sei die zu niedrige "Take-up-Rate" bei der Sozialhilfe, wodurch Betroffene nicht in den Genuss der durch die Sozialhilfe gewährten Versicherung kommen. Es gelte die Verwaltung zu verbessern, hier seien die Bundesländer gefordert. Auch bei Kindern müsse man sich etwas überlegen - eine Möglichkeit wäre laut den Autoren etwa, jedes Kind, das in der Schule ist, automatisch ins Versicherungssystem aufzunehmen.

Wesentlich sei auch die Sicherstellung der Finanzierung von Dienstleistungen von Einrichtungen wie AmberMed - und insbesondere das Schließen von Lücken derartiger Einrichtungen abseits der größeren Städte.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden