ÖFB-Klartext

Droht jetzt die "Schande von Kansas City"?

Hier die Story im Oe24 E-Paper lesen

Ein Remis würde sowohl Österreich als auch Algerien zum Aufstieg reichen
OE24 auf Google bevorzugen

Die ÖFB-Verteidiger Stefan Posch und Kevin Danso wollen von möglichen Rechenspielen vor dem abschließenden WM-Gruppenspiel am Sonntag (4.00 Uhr MESZ) gegen Algerien nichts wissen. Mit einem Remis wären beide Teams praktisch sicher weiter, Österreich definitiv als Gruppenzweiter. Auf diesen würde im Sechzehntelfinale wohl Spanien warten. Dem könnte man mit einer knappen Niederlage entgehen. Unter welchen Bedingungen man trotzdem aufsteigen würde, ist bei Spielbeginn bekannt.

Die Österreicher wollen sich davon in keiner Weise beeinflussen lassen. "Wir gehen ins Spiel einfach so, dass wir es gewinnen wollen", betonte Posch bei einem Medientermin am Dienstag im ÖFB-Camp in Santa Barbara. "Wir sind alle Sportler, Fußballer. Ich kann nicht in ein Spiel gehen und sagen, heute gehen wir rein und verlieren. Das funktioniert ja nicht. Das hat keiner von uns jemals gemacht und wird es auch nie machen. Deswegen stellt sich für uns da gar keine Frage."

Ob es gut ist, dass man als allerletzte im Einsatz befindliche Gruppe die genaue Konstellation der aufsteigenden acht von zwölf Dritten und damit auch den weiteren Spielplan kenne, wollte Danso nicht beurteilen. "Ich weiß nicht, ob es ein Vorteil sein wird. Ich werde versuchen, das wegzublenden und einfach so reinzugehen wie in jedes Spiel, um das Spiel zu gewinnen."

ABD0149_20260623 - © APA/GEORG HOCHMUTH

Kein Vergleich mit "Schande von Gijon"

Mit dem Thema der "Schande von Gijon", als sich Österreich und Deutschland bei der WM 1982 mit einem Nichtangriffspakt auf ein 0:1 geeinigt hatten und auf Kosten von Algerien beide aufstiegen, könne er etwas anfangen, versicherte Posch. Inwiefern das auch auf die kommende Partie gegen die Algerier zutreffen könnte, bei dem wohl beiden Teams ein 0:0 reichen würde? "Gar nicht", antwortete der Mainz-Profi.

Algeriens 2:1-Sieg gegen Jordanien habe ein Großteil der ÖFB-Kicker am Montagabend im Teamhotel gemeinsam verfolgt. Die Nordafrikaner drehten das Spiel durch zwei Tore nach Eckbällen. Beim Auftakt gegen Argentinien (0:3) habe man bereits "gesehen, dass Algerien eine sehr gute, griffige und technisch starke Mannschaft hat", meinte Posch. "Wir müssen mit dem Ball mutig sein, Chancen kreieren und genauer sein im letzten Drittel - einfach Gefahr ausstrahlen." Damit haben sich die Österreicher im Turnierverlauf bei aller Qualität im Spiel gegen den Ball noch schwer getan.

So kam es damals zum Skandal

Durch das bevorstehende WM-Spiel gegen Algerien am Sonntag (4.00 Uhr MESZ) in Kansas City rückt ein unrühmliches Kapitel der österreichischen Fußball-Geschichte wieder in den Fokus. Erinnerungen an die "Schande von Gijon" werden wach, als sich Deutschland und Österreich bei der WM 1982 auf ein 1:0 für das DFB-Team einigten und Algerien dadurch ausschied. Danach war nicht nur bei den Nordafrikanern, sondern auch weltweit die Empörung groß.

Die Ausgangsposition stellte sich wie folgt dar: Deutschland benötigte nach einem sensationellen 1:2 gegen Algerien und einem 5:1 gegen Chile unbedingt einen Sieg, da Algerien zuvor Chile 3:2 besiegt hatte. Österreich wiederum konnte sich nach einem 1:0 gegen Chile und einem 2:0 gegen Algerien eine Niederlage mit maximal zwei Toren Differenz leisten.

© GEPA

Die DFB-Auswahl ging in der elften Minute durch Horst Hrubesch mit 1:0 in Führung. Was folgte, waren Ball-Herumschiebereien, Rückpass-Orgien und bestenfalls Alibi-Angriffe von beiden Seiten. Die Zuschauer quittierten das traurige Schauspiel mit einem gellenden Pfeifkonzert und wütenden Protesten, algerische Zuschauer winkten mit Geldscheinen. Die beiden nationalen Verbände dementierten danach jegliche Absprachen und die FIFA verzichtete auf Sanktionen, zog daraus aber so wie die UEFA die Konsequenz, entscheidende Gruppenspiele bei Turnieren zeitgleich anzusetzen.

Prohaska: "Bin nicht stolz darauf"

Österreichs damaliger Mittelfeld-Regisseur Herbert Prohaska berichtete von Unterredungen mit Deutschen kurz vor dem Anpfiff zur zweiten Hälfte. "Es ist gesagt worden, wir müssen nichts mehr ändern, weil das Ergebnis beiden reicht, und dann ist dieses unsagbare Spiel rausgekommen", erklärte der spätere ÖFB-Teamchef der APA. "Ich bin nicht stolz darauf, und ich glaube auch kein anderer. Für den Erfolg bist du oft bereit, Sachen zu machen, die nicht so gut ankommen."

Walter Schachner war laut eigenen Angaben der Einzige, der von der Absprache nichts mitbekommen hatte. "Weil ich zu früh aus der Kabine auf den Platz gegangen bin", erzählte der Steirer, der im weiteren Spielverlauf deutlich mehr Laufarbeit als seine Kollegen verrichtete, der APA. "Ich war angefressen, weil wir so destruktiv gespielt haben. Man will ja ein Tor schießen. Hans Krankl hat in der zweiten Hälfte fast schon Libero gespielt."

Man müsse allerdings Verständnis für die Vorgehensweise beider Mannschaften haben, betonte Schachner. "Algerien hätte in so einer Situation das Gleiche gemacht." Ähnlicher Meinung ist Lothar Matthäus, in Gijon aufseiten der Deutschen in der 67. Minute eingewechselt: "Im Spiel hat sich das dann so ergeben, dass man sagt: 'Hey, uns langt's, euch langt's, also tun wir uns doch nicht mehr weh.' Das Wichtigste ist das Weiterkommen, im Endeffekt ist es ja egal, wie."

Krankl hätte gerne 1:1 erzielt

Krankl sagte der APA ebenfalls, es habe vor dem Spiel keine Absprache gegeben. "Es hat sich durch die Konstellation ergeben. Die Deutschen waren nicht gut drauf, wir auch nicht, aber das wussten die Deutschen nicht." Ansonsten wollte Krankl über dieses Thema nicht mehr allzu viele Worte verlieren, nur so viel: "Gijon war nicht schön, ein sogenanntes Scheißmatch. Aber wenn ich im Sechzehner in der 90. Minute den Ball bekommen hätte, wäre es 1:1 ausgegangen."

In diesem Fall hätte Deutschland nach der ersten Turnierphase Abschied nehmen müssen, so ging es weiter bis ins Finale, in dem Italien die Oberhand behielt. Für Österreich war in der darauffolgenden Zwischenrunde nach einem 0:1 gegen Frankreich und einem 2:2 gegen Nordirland Schluss.

Nur acht Jahre später ereilte das ÖFB-Team ein ähnliches Schicksal wie Algerien. Bei der WM 1990 kamen die vier besten der sechs Gruppendritten weiter. Österreich wurde Dritter und schied nach zweitägiger Wartezeit unter anderem deshalb aus, weil sich die Niederlande und Irland auf ein 1:1 "einigten". Dabei agierten beide Teams in den letzten Minuten so destruktiv, dass der französische Schiedsrichter Michel Vautrot sogar die Kapitäne Ruud Gullit und Mick McCarthy zu sich zitierte und ermahnte, endlich Fußball zu spielen.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden