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ADHS im Alter: So gelingt trotzdem ein erfülltes Leben

Junge nicht-binäre Person mit blondem Haar blickt hinter rotem Spiralkabel vor blauem Hintergrund seitlich.
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Warum viele erst spät erkennen, was sie schon ihr Leben lang begleitet hat: eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung. Wie man trotz später Diagnose damit gut leben und alt werden kann.
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Sie gelten als kreativ, ideenreich und voller Energie. Gleichzeitig kämpfen sie mit Vergesslichkeit, innerer Unruhe, Konzentrationsproblemen oder dem Gefühl, ständig gegen sich selbst arbeiten zu müssen. Viele Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leben jahrzehntelang, ohne zu wissen, warum ihnen manches schwerer fällt als anderen.

SPÄTE DIAGNOSE

Erst in der zweiten Lebenshälfte, häufig zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr, erhalten sie eine Diagnose, die ihrem bisherigen Leben eine neue Erklärung gibt. Lange Zeit galt ADHS als reine Kinder- und Jugenddiagnose. Heute weiß man, dass die neurobiologische Besonderheit bei den meisten Betroffenen nicht "auswächst", sondern bis ins hohe Alter bestehen bleibt. Die Symptome verändern sich zwar im Laufe des Lebens, verschwinden jedoch selten vollständig. Genau diesem Thema widmen sich die ADHS-Expertin Prof. Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz und der Psychiater PD Dr. Daniel Schöttle in ihrem neuen Buch "AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte". Sie zeigen, wie sich ADHS im Alter verändert, welche Herausforderungen damit verbunden sind und warum eine späte Diagnose für viele Menschen ein Wendepunkt sein kann.

WENN DIE BEWÄHRTEN STRATEGIEN PLÖTZLICH NICHT MEHR FUNKTIONIEREN

Viele Erwachsene mit ADHS entwickeln früh Strategien, um ihren Alltag erfolgreich zu meistern. Sie arbeiten besonders gewissenhaft, gleichen Schwierigkeiten durch Perfektionismus aus oder strukturieren ihr Leben bis ins kleinste Detail. Nach außen wirken sie oft organisiert und leistungsfähig – innerlich kostet sie das jedoch enorme Kraft. Mit zunehmendem Alter verändern sich die Lebensumstände. Berufliche Anforderungen wandeln sich, Kinder verlassen das Elternhaus, Angehörige benötigen Pflege oder gesundheitliche Einschränkungen treten hinzu.

Zwei Personen sitzen sich in einem modernen Raum gegenüber, eine Gesprächstherapie findet statt.
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Auch der Ruhestand verändert vertraute Tagesabläufe grundlegend. Was über Jahrzehnte funktioniert hat, gerät plötzlich aus dem Gleichgewicht: Die Konzentration lässt nach, Termine werden vergessen, Entscheidungen fallen schwerer und die innere Anspannung nimmt zu. Gerade Frauen erleben diese Veränderungen häufig rund um die Wechseljahre besonders intensiv. Hormonelle Umstellungen beeinflussen die Aktivität wichtiger Botenstoffe im Gehirn, wodurch bislang gut kompensierte ADHS-Symptome stärker hervortreten können. Nicht selten werden die Beschwerden zunächst als Burn-out, Depression oder normale Alterserscheinung interpretiert, obwohl eine bislang unerkannt gebliebene ADHS dahintersteckt.

ADHS VERÄNDERT IM ALTER SEIN GESICHT

Das Bild des ständig zappelnden Kindes trifft auf ältere Erwachsene nur selten zu. Statt äußerer Hyperaktivität erleben viele Betroffene eine anhaltende innere Unruhe. Gedanken kreisen unaufhörlich, die Aufmerksamkeit springt von einem Thema zum nächsten und selbst einfache Alltagsaufgaben können zur Herausforderung werden.

Viele Menschen mit ADHS entwickeln zahlreiche Ideen, scheitern jedoch häufig an deren Umsetzung. Aufgaben werden aufgeschoben, Termine vergessen oder Projekte nicht abgeschlossen. Gleichzeitig reagieren viele Betroffene besonders sensibel auf äußere Reize und emotionale Belastungen. Freude, Begeisterung, Enttäuschung oder Ärger werden oft intensiver erlebt.

Diese emotionale Intensität gehört für viele ebenso zu ADHS wie Konzentrationsprobleme oder Impulsivität. Nicht selten entstehen daraus über viele Jahre Selbstzweifel. Wer immer wieder hört, er müsse sich nur besser organisieren oder disziplinierter sein, beginnt häufig, an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Die Diagnose im Erwachsenenalter kann deshalb eine große Erleichterung sein: Sie zeigt, dass die Schwierigkeiten nicht Ausdruck mangelnden Willens sind, sondern auf einer neurobiologischen Besonderheit beruhen.

MEHR ALS EINE KONZENTRATIONSSTÖRUNG

ADHS betrifft weit mehr als Aufmerksamkeit und Organisation. Die Erkrankung beeinflusst zahlreiche Lebensbereiche und tritt häufig gemeinsam mit anderen psychischen oder körperlichen Erkrankungen auf. Depressionen, Angststörungen, chronischer Stress oder Schlafprobleme gehören ebenso zu den häufigen Begleiterscheinungen wie Essstörungen oder Suchterkrankungen.

Nachdenkliche Frau mit Brille und grünem Shirt schaut auf einen Bildschirm.
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Auch körperliche Beschwerden treten bei Menschen mit ADHS offenbar häufiger auf. Untersuchungen weisen unter anderem auf Zusammenhänge mit Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen, Migräne, chronischen Schmerzen sowie Autoimmun- und Darmerkrankungen hin. Vermutlich spielen dabei sowohl neurobiologische Faktoren als auch langjähriger Stress eine Rolle. Bleibt ADHS über viele Jahre unerkannt, kann dies weitreichende Folgen haben: Schwierigkeiten im Berufsleben, häufige Jobwechsel, finanzielle Belastungen, impulsive Entscheidungen oder Konflikte in Partnerschaften begleiten viele Betroffene über Jahrzehnte. Umso wichtiger ist eine umfassende Diagnostik, die nicht nur aktuelle Beschwerden, sondern auch die gesamte Lebensgeschichte berücksichtigt.

WENN BEZIEHUNGEN AUF DIE PROBE GESTELLT WERDEN

ADHS betrifft nie nur die betroffene Person selbst. Auch Partnerschaften und Familienleben können durch die Besonderheiten der Erkrankung beeinflusst werden. Vergesslichkeit oder mangelnde Organisation werden häufig als fehlendes Interesse missverstanden, obwohl sie Ausdruck der neurobiologischen Besonderheit sind. Gleichzeitig reagieren viele Menschen mit ADHS besonders empfindlich auf Kritik oder Ablehnung.

Dennoch verfügen viele Betroffene über eine außergewöhnliche Fähigkeit zu begeistern, mitzufühlen und Beziehungen intensiv zu erleben. Werden die Zusammenhänge verstanden und offen angesprochen, entstehen neue Möglichkeiten für gegenseitiges Verständnis und einen wertschätzenden Umgang.

SEXUALITÄT BLEIBT EIN WICHTIGES THEMA

Nahaufnahme von zwei Händen, die sich haltend Trost und Unterstützung spenden.
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Auch die Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens, und ADHS kann dabei eine zusätzliche Rolle spielen. Die intensive Gefühlswelt vieler Betroffener spiegelt sich oft auch in ihrer Partnerschaft wider. Gleichzeitig können Ablenkbarkeit, impulsive Reaktionen oder eine ausgeprägte Angst vor Zurückweisung das intime Miteinander belasten. Mit zunehmendem Alter kommen hormonelle Veränderungen, körperliche Erkrankungen oder Medikamente hinzu, die das sexuelle Erleben beeinflussen können. Eine offene Kommunikation innerhalb der Partnerschaft schafft deshalb wichtige Voraussetzungen für Nähe, Verständnis und eine erfüllte Beziehung, auch in der zweiten Lebenshälfte.

GESUND ÄLTER WERDEN MIT ADHS

Neben der medizinischen Behandlung widmet sich das Buch auch der Salutogenese, also der Frage, was Menschen gesund erhält und ihre Lebensqualität stärkt. Statt ausschließlich Defizite in den Mittelpunkt zu stellen, richtet sich der Blick auf vorhandene Ressourcen und darauf, wie diese gezielt gefördert werden können. Ein strukturierter Tagesablauf, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung können helfen, den Alltag besser zu bewältigen und die ADHS-Symptomatik positiv zu beeinflussen.

Ebenso wichtig sind bewusste Erholungsphasen und ein achtsamer Umgang mit Stress. Entspannungstechniken, Zeit in der Natur oder Achtsamkeitsübungen können dabei unterstützen, das Gedankenkarussell zu beruhigen und neue Energie zu gewinnen. Gesundes Altern bedeutet für Menschen mit ADHS deshalb mehr als die Behandlung einzelner Symptome. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und den Alltag so zu gestalten, dass persönliche Ressourcen erhalten bleiben.

EINE DIAGNOSE ERÖFFNET NEUE PERSPEKTIVEN

Für viele Menschen bedeutet die Diagnose im späteren Erwachsenenalter zunächst Überraschung, kurz darauf jedoch große Erleichterung. Plötzlich ergeben viele Erfahrungen aus Kindheit, Beruf und Privatleben einen Sinn. Die Erkenntnis, dass man nicht undiszipliniert oder unorganisiert ist, sondern Informationen anders verarbeitet, verändert häufig den Blick auf das eigene Leben. Die moderne Behandlung von ADHS verfolgt deshalb einen ganzheitlichen Ansatz. Medikamente können, wenn sie individuell geeignet sind, ebenso hilfreich sein wie Psychotherapie, Psychoedukation, Ergotherapie oder Neurofeedback. Entscheidend ist vor allem das Verständnis für die eigene Neurodivergenz und die Entwicklung alltagstauglicher Strategien.

ANDERS SEIN IST KEINE SCHWÄCHE

Lange Zeit wurde ADHS fast ausschließlich mit Schwierigkeiten und Defiziten verbunden. Heute rückt zunehmend eine andere Perspektive in den Mittelpunkt. Viele Menschen mit ADHS verfügen über außergewöhnliche Kreativität, Innovationskraft, Spontaneität, Empathie und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen. Gerade in der zweiten Lebenshälfte, wenn Leistungsdruck und gesellschaftliche Erwartungen oft in den Hintergrund treten, können diese Eigenschaften bewusst genutzt und als persönliche Stärke erlebt werden.

BUCHTIPP

Buchcover von „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ mit bunten Silhouetten auf blauem Hintergrund.
© Kösel-Verlag

AD(H)S IN DER ZWEITEN LEBENSHÄLFTE Das neue Buch von ADHS-Expertin Prof. Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz und dem Psychiater PD Dr. Daniel Schöttle ist im Kösel-Verlag (um 20,56 Euro) erschienen.

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