Intensivmediziner schockt mit
Arzt: »Patienten sind jünger und werden schneller schwer krank«
Univ.-Prof. Dr. Thomas Staudinger, Leiter der Intensivstation der MedUni Wien erzählt im Interview mit ÖSTERREICH von seinen Erkenntnissen. Er berichtet außerdem vom dramatischen Alltag auf der Corona-Intensivstation.
ÖSTERREICH: Bei den aktuell steigenden Infektionszahlen, was geschieht im schlimmsten Fall auf Ihrer Station?
Thomas Staudinger: Man wird weitere Intensivbetten für Covid-Patienten umwidmen müssen. Dann muss man die Routineversorgung runterfahren, Operationen verschieben oder absagen.
ÖSTERREICH: Welchen Patienten müsste man absagen?
Staudinger: Die Akutversorgung muss natürlich aufrecht bleiben. Aber alle anderen Fälle – das sind in der Regel chirurgische Patienten, die nach großen Operationen intensivmedizinische Überwachung brauchen –, da wird man die Operationen nicht durchführen können. Das sind große Krebs-, Herz- oder Lungenoperationen.
ÖSTERREICH: Wann tritt dieser Fall ein?
Staudinger: Mit Stand jetzt geht es sich gerade noch aus. Wenn es mehr wird, dann wird es nicht mehr in vollem Umfang möglich sein.
ÖSTERREICH: Erinnert Sie die jetzige Lage an den Herbst?
Staudinger: Die Patienten sind jetzt jünger und schneller schwer krank. Das belastet das System enorm. Vor allem liegen sie wochenlang auf der Intensivstation. Jeden Tag kommen Neue nach, aber die Alten liegen immer noch da. Das wird das Problem werden.
ÖSTERREICH: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung blieb?
Staudinger: Es gibt viele. Der Letzte war ein fünfzigjähriger gesunder Mann, der im Ersticken lag, trotz Beatmung. Er konnte gerettet werden, indem wir seine Lunge durch eine Maschine ersetzt haben. Da weiß man, wenn das nicht schnell geht, dann ist es zu spät.
ÖSTERREICH: Das ist jetzt der Alltag auf Ihrer Station?
Staudinger: Eigentlich schon.
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden