Schock-Prognose

Top-Experte: "Das ist der kälteste Sommer der nächsten 300 Jahre"

Ein Mann mit grauen Haaren und Brille steht vor einem geschlossenen Rolltor.
© Andreas Jäger
Andreas Jäger warnt vor den Folgen des Klimawandels.
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Österreich erlebt einen Sommer der Extreme: Auf Rekordhitze folgen schwere Gewitter, Starkregen und Muren, gleichzeitig verschärft sich in vielen Regionen die Trockenheit. Für Meteorologe und Klimaexperte Andreas Jäger ist das längst kein gewöhnlicher Ausreißer mehr. Seine Prognose fällt entsprechend drastisch aus: "Das ist vermutlich der kälteste Sommer der nächsten 300 Jahre."

Damit meint Jäger nicht, dass Österreich künftig tatsächlich kältere Sommer erleben wird. Im Gegenteil: Er warnt davor, dass das derzeitige Niveau bei Hitze und Extremwetter zum neuen Normalzustand werden könnte. Gegenüber Tirol TV bezeichnete er die Entwicklung als dramatische Veränderung. "Der Klimawandel ist nicht erfunden, sondern knallharte Physik", sagt Jäger.

"Wir haben eine dramatische Klimaänderung"

In ganz Österreich wurden heuer Temperaturrekorde geknackt. Für Jäger ist deshalb klar, dass man sich auf eine neue Realität einstellen muss. Besonders große Sorgen bereitet ihm die Wasserversorgung. Früher sei in Österreich häufig die Kälte der begrenzende Faktor gewesen. Heute gebe es vielerorts ausreichend Wärme für das Pflanzenwachstum – dafür werde Wasser zunehmend zum entscheidenden Problem.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Schnee. Eine geschlossene Schneedecke wirkt wie ein natürlicher Wasserspeicher: Sie schmilzt vergleichsweise langsam und gibt Wasser über längere Zeit an Böden und Grundwasser ab. Wenn Schnee aufgrund höherer Temperaturen häufiger ausbleibt oder deutlich früher schmilzt, verändert sich auch der Wasserhaushalt.

Dass die Trockenheit längst kein Zukunftsszenario mehr ist, zeigen aktuelle Messungen. Von Jänner bis Ende Juni 2026 lag die Niederschlagsmenge in Österreich laut GeoSphere Austria 27 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt. In einigen Regionen waren die Bedingungen sogar so trocken wie seit dem Beginn der Messreihe im Jahr 1885 nicht mehr.

Karte zeigt Hitzerekorde nach Bundesländern in Österreich mit Höchstwert von 41,2°C in 2026.
© APA

Landwirtschaft muss sich anpassen

Besonders gefordert ist damit die Landwirtschaft. Jäger sieht einen grundlegenden Umbau der bisherigen Bewirtschaftung als notwendig. Böden müssten besser geschützt werden, beispielsweise durch eine möglichst ganzjährige Bedeckung. Ziel sei es, Feuchtigkeit im Boden zu halten und die Folgen extremer Niederschläge abzumildern.

"Wir haben wirklich eine dramatische Klimaänderung. Wir werden uns komplett umstellen müssen. Diese Art zu ackern, das geht nicht mehr", warnt Jäger bei einem Vortrag für die Tiroler Versicherung.

Dabei geht es längst nicht nur um Landwirtschaft. Wassermangel kann Trinkwasserversorgung, Energieproduktion, Industrie und Tourismus gleichermaßen treffen. Gleichzeitig müssen Städte und Gemeinden mit häufiger auftretenden Hitzewellen und Starkregen umgehen.

Österreich erwärmt sich besonders stark

Die Entwicklung passt zu einem langfristigen Trend. Der Klimastatusbericht 2025 zeigt, dass sich Österreich weiterhin deutlich erwärmt. Das Jahr 2025 lag mit einer Durchschnittstemperatur von 7,9 Grad um 2,1 Grad über dem Klimamittel der Jahre 1961 bis 1990 und gehörte damit zu den acht wärmsten Jahren seit Beginn der Messungen. Gleichzeitig fiel rund 17 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Durchschnitt.

Auch die stärksten Hitzewellen dauern inzwischen deutlich länger als früher. Laut GeoSphere Austria sind sie im heutigen Klima im Durchschnitt rund sieben Tage länger als um 1960 – ein Anstieg von etwa 140 Prozent.

"Wir haben viel mehr Wirkmächtigkeit, als wir glauben"

Jäger sieht deshalb auch die Gesellschaft gefordert. Klimaschutz dürfe nicht als nebensächliches Thema behandelt werden. "Wir haben viel mehr Wirkmächtigkeit als wir glauben!", lautet seine Botschaft.

Er nennt zahlreiche Bereiche, in denen jeder Einzelne Einfluss nehmen könne – vom häufigeren Radfahren und Zufußgehen über weniger Fleischkonsum bis hin zu einem bewussteren Umgang mit Flugreisen und Kleidung.

Gleichzeitig hält Jäger wenig vom Argument, Europa könne wegen der großen CO₂-Emissionen anderer Weltregionen ohnehin nichts bewirken. Maßnahmen für mehr Klimaschutz könnten auch die regionale Wirtschaft stärken, die Abhängigkeit von Energieimporten verringern und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen erhöhen.

Ein Wassersprenger sprüht Wasser in einer Parkanlage bei Sonne am Karlsplatz in Wien.
© APA/GEORG HOCHMUTH

"Wir sind noch nicht bereit, global zu bremsen"

Eine schnelle Rückkehr zu früheren klimatischen Bedingungen erwartet der Experte nicht. "Grundsätzlich haben wir die Berganfahrt nicht hinter uns", sagt Jäger. "Wir sind noch nicht bereit, global und als Gesellschaft zu bremsen. Solange wir das nicht machen, geht es noch aufwärts."

Seine Aussage vom "kältesten Sommer der nächsten 300 Jahre" ist deshalb vor allem eine drastische Warnung vor der langfristigen Entwicklung. Die Frage sei nicht mehr, wie sich alle Folgen des Klimawandels rückgängig machen lassen. Entscheidend sei vielmehr, den weiteren Anstieg zu begrenzen.

"Es geht nur noch darum, diesen Anstieg zu bremsen, dass wir mal ein Plateau erreichen", sagt Jäger. "Wir werden mit dem, was wir jetzt haben, auf jeden Fall leben müssen."

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