Offen und ehrlich
"Plötzlich ist alles anders": 4 Angehörige erzählen, wie Krebs ihr Leben verändert
Die Diagnose Brustkrebs verändert das Leben – jenes der Erkrankten, aber auch jenes der Menschen, die an deren Seite stehen: Partner, Geschwister, Freunde, Kollegen... Mit dem Pink Ribbon Day am 1. Oktober startet der Brustkrebsmonat und rückt einmal mehr Vorsorge, Früherkennung und Unterstützung in den Fokus. Seit 24 Jahren setzt sich die Österreichische Krebshilfe unter dem Zeichen der rosa Schleife für Betroffene ein. Und für ihre Angehörigen.
Wie fühlt es sich an, stark sein zu wollen, obwohl man selbst Angst hat? Was sagt man, wenn Worte fehlen? Angehörige erzählen in MADONNA offen und ehrlich, wie sie eine Schwester, eine Arbeitskollegin oder die Ehefrau durch die Erkrankung begleiten. Sie sprechen über Angst und Hilflosigkeit, über Nähe und Hoffnung.
Marion, 45, begleitet ihre an Brustkrebs erkrankte Schwester
Als meine jüngere Schwester die Diagnose Brustkrebs bekam, hat sich von einem Moment auf den anderen sehr viel verändert – für meine Schwester, aber auch für mich und die ganze Familie. Natürlich ist sie diejenige, die plötzlich mit den vielen Untersuchungen, kräfteraubenden Therapien und der Angst vor dem, was kommen könnte, leben muss. Aber auch für mich war die Diagnose ein Schock. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ein Mensch, den ich liebe und mit dem ich mein ganzes Leben verbunden bin, plötzlich schwer krank sein könnte.
“"Ich habe oft selbst große Angst."”
Marion
Ich will stark für sie sein, ihr Mut machen und ihr das Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist. Gleichzeitig gibt es Momente, in denen ich selbst Angst habe und nicht weiß, wohin mit meinen Gedanken und Ängsten. Was wäre, wenn sie es nicht schafft? Ich frage mich oft, wie es ihr gerade geht, ob sie Schmerzen hat, wie sie die Behandlung verträgt und was ihr im Moment durch den Kopf geht. Ich bin drei Jahre älter und so erzogen, dass ich die "Kleine" immer beschützen sollte. Und alles, was ich derzeit tun kann, ist, sie zu begleiten, zuzuhören, sie in den Arm zu nehmen und für sie da sein – aber die eigentliche Last muss sie selbst tragen.
Dieses Gefühl der Hilflosigkeit belastet mich sehr. Ich habe mich deshalb an die Krebshilfe gewandt und muss sagen, dass es mir sehr hilft, über das alles offen zu sprechen und Unterstützung zu erhalten, wie ich auf mich selbst achte, damit ich genug Kraft habe, um für meine kleine Schwester da zu sein. Ich kann es nur jedem empfehlen, sich in ähnlichen Situationen Unterstützung bei der Krebshilfe zu holen.
Gabi, 53, hat eine von Brustkrebs betroffene Arbeitskollegin
Vor einigen Wochen hat mir meine Kollegin erzählt, dass sie Brustkrebs hat. Die Nachricht hat mich tief getroffen. Ich wusste, dass sie nun eine schwere Zeit vor sich hat, und wollte ihr vor allem eines vermitteln: Du bist nicht allein. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich die Zeit nehmen soll, die sie braucht, und dass ich an sie denke. Seitdem ist sie im Krankenstand. Und plötzlich ist der Kontakt abgerissen. Zweimal habe ich versucht, sie zu erreichen. Eine kurze Nachricht, ein vorsichtiger Anruf – nichts Aufdringliches, nur ein Zeichen, dass ich an sie denke. Aber es kam keine Antwort.
Habe ich etwas falsch gemacht? Seitdem begleitet mich ein ungutes Gefühl. Natürlich mache ich mir Sorgen. Ich frage mich, wie es ihr geht, ob sie die Behandlung gut verträgt und wie sie mit all dem zurechtkommt. Gleichzeitig taucht immer wieder eine andere Frage auf: Habe ich etwas falsch gemacht? War meine Nachricht vielleicht unpassend? Habe ich zu viel gefragt oder zu wenig? Hätte ich mich anders verhalten sollen? Ich weiß, dass Menschen in einer solchen Situation manchmal Abstand brauchen. Vielleicht fehlt ihr einfach die Kraft zu antworten. Vielleicht möchte sie im Moment nicht über ihre Krankheit sprechen oder daran erinnert werden, dass andere sich Sorgen machen. Und trotzdem ist es schwer, dieses Schweigen auszuhalten. Nach 20 Jahren fühlt sich die plötzliche Stille ungewohnt und schmerzhaft an.
“Es ist schwer, dieses Schweigen auszuhalten.”
Gabi
Ich möchte ihre Grenzen respektieren und sie nicht bedrängen. Gleichzeitig möchte ich, dass sie weiß, dass unsere Verbindung für mich nicht einfach verschwunden ist. Vielleicht ist das im Moment das Einzige, was ich tun kann: ihr Zeit lassen und trotzdem innerlich die Tür offen halten. Für den Tag, an dem sie sich vielleicht wieder meldet – ganz egal, ob in einer Woche, einem Monat oder irgendwann später. Und bis dahin hoffe ich einfach, dass sie spürt, dass da jemand ist, der an sie denkt.
Manfred, 51, pflegt seine krebskranke Ehefrau
Seit der Eierstockkrebsdiagnose meiner Frau ist in unserem Leben nichts mehr, wie es war. Im Internet habe ich gelesen, dass diese Diagnose wirklich schlimm ist. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und möchte stark sein, damit meine Frau sich an mir anlehnen kann und nehme ihr so viel wie möglich ab. Ich mache Frühstück, bringe die Kinder in die Schule, hole sie wieder ab, koche, kaufe ein und räume auf. Ich möchte, dass sich meine Frau auf ihre Behandlung konzentrieren kann und möglichst wenig zusätzliche Belastungen hat. Inzwischen merke ich, dass meine Kräfte langsam nachlassen. Nach außen versuche ich weiterhin, alles im Griff zu haben. Innerlich habe ich aber immer öfter das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst.
“Was tun, wenn ich meinen Job verliere?”
Manfred
Ich bin müde. Nicht nur körperlich. Auch im Kopf bin ich ständig angespannt. Während ich bei der Arbeit sitze, kreisen meine Gedanken um die nächste Untersuchung meiner Frau. Mein Chef weiß, was bei uns zu Hause los ist, hat grundsätzlich Verständnis für Fehlzeiten, aber ich weiß, dass dies nicht endlos so gehen kann. Was tun, wenn ich den Job verliere? Nachts liege ich wach und frage mich, wie unsere Zukunft aussehen wird. Manchmal werde ich im Job und zu Hause ungeduldig, obwohl ich das gar nicht möchte, und habe anschließend sofort ein schlechtes Gewissen. Schließlich ist meine Frau diejenige, die krank ist. Langsam merke ich, dass meine Kräfte Grenzen haben.
Freunde raten mir schon seit Längerem, Hilfe anzunehmen. Bis jetzt habe ich es nicht in Anspruch genommen, weil ich meiner Frau und vor allem mir selbst versprochen habe, der Fels für die Familie zu sein – wohin der Weg auch führt.
Claudia, 49, hat eine an Krebs erkrankte Mitarbeiterin
Meine Mitarbeiterin ist seit vielen Jahren in meinem Unternehmen. In dieser Zeit ist sie zu einem wichtigen Teil unseres kleinen Teams geworden. Wir kennen uns gut, haben gemeinsam schwierige Zeiten gemeistert, und ich konnte mich immer auf sie verlassen. Als sie mir von ihrer Krebserkrankung erzählt hat, war ich deshalb nicht nur als Dienstgeber betroffen, sondern auch persönlich. Mein erster Gedanke war: Sie soll sich jetzt um ihre Gesundheit kümmern. Die Arbeit darf in dieser Situation nicht an erster Stelle stehen.
Innerer Konflikt. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich die Zeit nehmen soll, die sie braucht, und dass wir versuchen werden, alles so gut wie möglich aufzufangen. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie zusätzlich Angst um ihren Arbeitsplatz haben muss. Aber ich führe ein kleines Unternehmen. Wenn jemand länger ausfällt, müssen die anderen einspringen oder wir brauchen vorübergehend Ersatz. Genau das ist mein innerer Konflikt. Einerseits möchte ich meiner langjährigen Mitarbeiterin Sicherheit geben und Verständnis zeigen. Andererseits muss ich dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft und auch die Arbeitsplätze der anderen gesichert bleiben.
“Diese Gedanken machen mir ein schlechtes Gewissen.”
Claudia
Manchmal frage ich mich, wie lange wir die Situation noch überbrücken können. Wie lange können die Kolleginnen und Kollegen die zusätzliche Belastung tragen? Was passiert, wenn die Erkrankung länger dauert oder sie nach der Rückkehr zunächst nicht wieder voll arbeiten kann? Diese Gedanken machen mir ein schlechtes Gewissen. Sie hat sich ihre Erkrankung nicht ausgesucht. Gleichzeitig kann ich die wirtschaftliche Realität eines Kleinunternehmens nicht ausblenden.
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