WOHNTREND

Ein Blick in ein Wiener Tiny House: So luxuriös sehen 40 Quadratmeter aus

Modernes Tiny House mit dunkler Fassade, großer Terrasse und Glasfront, umgeben von grünem Rasen.
© Lisa Leutner
Dunkles Holz, eine tiefschwarze Küche und eine Glasfront, hinter der sich die Wiener Weinberge ausbreiten: Dieses Tiny House ist nur 40 Quadratmeter groß – klein fühlt es sich trotzdem nicht an.
OE24 auf Google bevorzugen

Von außen wirkt der eingeschossige Bau fast wie ein dunkler Monolith im Grünen. Klare Linien, eine zurückhaltende Lärchenholzfassade und eine markante Stahlpergola verleihen dem Haus eine Präsenz, die man bei einem klassischen Gartenhaus kaum erwarten würde. Im Inneren ändert sich die Stimmung: Licht strömt durch die bodentiefen Fenster, helle Hölzer treffen auf schwarze Akzente, und der Blick reicht weit über den eigenen Garten hinaus.

Dieses Tiny House in einem Wiener Kleingarten versucht nicht, ein großes Haus im Kleinformat zu sein. Es folgt seiner eigenen Logik – und beweist, wie luxuriös Reduktion aussehen kann.

Ein Gartenhaus, neu gedacht

Die Bauherrin und Eigentümerin Julie Küster beschreibt ihr Zuhause als "Neuinterpretation des guten, alten Gartenhauses". Tatsächlich erinnert hier kaum etwas an die üblichen kleinen Hütten mit niedrigen Decken, schweren Möbeln und wenig Licht.

Die Architekten Felix Lohrmann und Phil Weisz setzten stattdessen auf eine klare, geometrische Formensprache, die dem Bungalow einen fast skulpturalen Charakter verleiht. Seitliche Wandverlängerungen schützen vor Wind und neugierigen Blicken, rahmen gleichzeitig die Terrasse und lassen das Gebäude optisch größer wirken. Die imposante Stahlpergola verlängert die Architektur in den Garten und schafft einen geschützten Raum zwischen drinnen und draußen.

Von Beginn an ging es Lohrmann und Weisz nicht darum, das 200 Quadratmeter große Grundstück maximal zu verbauen. Vielmehr sollte sich die Architektur dem vorhandenen Platz anpassen, statt ihn vollständig zu besetzen. Garten, Terrasse und freie Sicht waren dabei mindestens so wichtig wie die Wohnfläche selbst.

Modernes Tiny House mit Holzterrasse, großen Fenstern und Garten unter blauem Himmel.
- © zVg, Lisa Leutner

Mehr Weite statt mehr Wohnfläche

Das eigentliche Herzstück des Hauses ist die großzügige Glasfront. Sie bringt nicht nur viel natürliches Licht in den Innenraum, sondern hebt die optische Grenze zwischen Wohnen und Natur beinahe auf.

Der Blick endet nicht an einer Wand. Er wandert über die Terrasse, durch den Garten und weiter bis zu den Weinbergen. Je nach Tageszeit wird die Landschaft selbst zum Teil des Interieurs: morgens hell und klar, abends in warmes Licht getaucht.

Gerade diese Offenheit sorgt dafür, dass sich die 40 Quadratmeter überraschend großzügig anfühlen. "Drinnen und draußen werden zu einem fließenden Übergang", erzählt die Bauherrin. Der Verzicht auf ein weiteres Stockwerk oder einen Keller war deshalb eine bewusste Entscheidung. Statt mehr Fläche entstand ein ebenerdiger, offener Bungalow, in dem sich alle Bereiche auf einer Ebene miteinander verbinden.

Modernes Tiny House mit schwarzer Fassade und Holzterrasse im grünen Garten bei blauem Himmel.
- © zVg, Lisa Leutner

Schwarze Küche, helle Hölzer und viel Ruhe

Im Inneren setzt sich die klare Architektur fort. Eine schwarze Küche und schwarze Stühle bilden den markantesten Kontrast im ansonsten hellen Raum. Dazu kommen natürliche Holzoberflächen, zurückhaltende Stoffe und eine Wandverkleidung aus weißer Tanne.

Die Einrichtung bewegt sich irgendwo zwischen skandinavischer Klarheit und japanisch inspirierter Reduktion. Nichts drängt sich in den Vordergrund, trotzdem fehlt es dem Raum nicht an Charakter. Dunkle Elemente geben Tiefe, während die hellen Sitzflächen und das viele Tageslicht für Leichtigkeit sorgen.

Der offene Wohnbereich umfasst die kompakte Küche, einen Esstisch mit integrierter Holzsitzbank und eine Art japanisches Tagesbett am Fenster. Es ist Rückzugsort, Liegefläche und Logenplatz mit Blick ins Grüne zugleich.

Bemerkenswert ist vor allem, was hier nicht passiert: Der Raum wurde nicht mit multifunktionalen Möbeln, Regalen und cleveren Minihaus-Gadgets überfrachtet. Statt jeden Zentimeter zu nutzen, wurde bewusst Platz freigelassen. Genau dadurch entsteht jene Ruhe, die dem Haus seine Großzügigkeit verleiht.

Moderne Terrasse mit dunkler Holzverkleidung, L-förmiger Bank und Topfpflanze in der Ecke.
- © zVg, Lisa Leutner

Ein Zuhause wie ein Maßanzug

Auf kleiner Fläche gibt es kaum Platz für Zufälle. Jeder Einbau, jede Sichtachse und jede Stauraumlösung muss funktionieren. Küster bezeichnet ihr Haus deshalb als "Maßanzug" – entworfen für ihren Alltag und nicht für eine möglichst allgemein gültige Vorstellung vom Wohnen.

Im Schlafzimmer nimmt ein maßgefertigter Holzkasten den Großteil der Kleidung auf. Weitere Dinge verschwinden in den Laden unter dem Bett, einem geräumigen Badezimmerunterschrank und einem kleinen, direkt in die Wand integrierten "Geheimschrank".

Staubsauger, Wischmopp und andere Haushaltsgeräte sind in einer separaten Gartenhütte untergebracht. Diese ist, wie die Bewohnerin mit einem Augenzwinkern erzählt, auch ihr "Retter in der Not", wenn vor einem Besuch nicht mehr alles rechtzeitig seinen Platz findet.

Modernes Tiny House mit Holzinterieur, großer Glas-Terrassentür und Blick ins Grüne.
- © zVg, Lisa Leutner

Weniger Platz verändert den Blick auf Besitz

Ganz ohne Disziplin funktioniert das Leben auf 40 Quadratmetern trotzdem nicht. Kurz vor der Fertigstellung reduzierte die Eigentümerin ihren Kleiderschrank auf ihre Lieblingsstücke. Bei Jacken und Schuhen müsse sie sich bis heute zurückhalten. Auch Bücher und Bilder gehören zu jenen Dingen, für die gefühlt nie genug Platz vorhanden ist.

Doch aus der anfänglichen Einschränkung wurde mit der Zeit eine neue Form von Freiheit. Das Leben im Tiny House habe ihren Konsum verändert, erzählt sie. Bevor etwas Neues einzieht, stellt sie sich inzwischen automatisch die Frage: "Brauche ich das wirklich?"

Was bleiben darf, gewinnt dafür an Bedeutung. Ein von der Großmutter geerbtes Lilienporzellan wartet nicht länger auf einen besonderen Anlass, sondern wird tatsächlich benutzt. Die Dinge im Haus sind nicht bloß Dekoration oder Besitz – sie erzählen persönliche Geschichten.

Moderne schwarze Einbauküche mit Spüle, Ofen und minimalistischen Schränken in einem Tiny House.
- © zVg, Lisa Leutner

Natürliche Materialien statt kurzlebiger Trends

Auch bei den Materialien wurde auf Langlebigkeit geachtet. Das Haus entstand in Holzriegelbauweise und ist hochwertig gedämmt. Für die Außenfassade wurde Lärchenholz verwendet, die Terrasse besteht aus Kiefer, im Innenausbau kam weiße Tanne zum Einsatz.

Heimische Hölzer und regionale Betriebe waren der Bauherrin wichtig. Das natürliche Material prägt nicht nur den Look des Hauses, sondern sorgt auch für ein angenehmes Raumklima.

Nachhaltigkeit zeigt sich hier allerdings nicht nur in der Materialwahl. Sie beginnt bereits bei der Frage, wie viel Wohnfläche ein Mensch wirklich braucht. Weniger Fläche bedeutet weniger Ressourcen beim Bau, einen geringeren Energieverbrauch und letztlich auch weniger Raum, der mit Dingen gefüllt werden muss.

Heller Essbereich mit Holztisch, schwarzen Stühlen und abstraktem Gemälde an der Wand.
- © zVg, Lisa Leutner

Im Sommer wird die Terrasse zum Wohnzimmer

Seine volle Wirkung entfaltet das Tiny House in den warmen Monaten. Dann erweitert sich der Wohnraum ganz selbstverständlich nach draußen. Der erste Kaffee wird auf der Terrasse getrunken, die Yogamatte im Freien ausgerollt und der Sonnenuntergang über den Weinbergen beobachtet.

Auch Gäste finden überraschend gut Platz. Einladungen mit bis zu sechs Personen sind ohne Weiteres möglich. Das Schlafzimmer wird dann kurzfristig zur Garderobe umfunktioniert – und der Terrazzo-Boden im Wohnbereich später manchmal zum Dancefloor.

“Mein tiny house war die beste Entscheidung meines Lebens - klein genug, um mich nicht zu überfordern und groß genug für alles, was wirklich zählt.”

Julie Küster

Funktioniert ein Tiny House auch zu zweit?

Für Singles ist das Konzept naheliegend, doch nach Ansicht der Bewohnerin kann ein gut geplantes Tiny House ebenso für Paare funktionieren. Entscheidend seien ein durchdachter Grundriss, ausreichend Stauraum und Außenflächen, die das Haus optisch und praktisch erweitern. Eine gewisse Nähe müsse man allerdings mögen.

Mittlerweile öffnet die Eigentümerin ihr Zuhause auch für Besichtigungen und persönliche Bauherrinnengespräche. Damit möchte sie genau jene Einblicke ermöglichen, die ihr zu Beginn des eigenen Projekts gefehlt haben: Wie fühlen sich 40 Quadratmeter in einem vollständig eingerichteten Architektenhaus an? Wie eng ist es wirklich? Und was braucht es, damit aus wenig Fläche ein echtes Zuhause wird?

Weitere Informationen gibt es unter tinyhouse.wien.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden