Wenn das Thermometer über 30 Grad klettert, sollen Wiens Fiakerpferde Pause haben. Das fordert der Verein gegen Tierfabriken (VGT), der am Donnerstag insgesamt 90.244 Unterschriften an Tierschutzstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) übergeben hat. Allein während des heurigen Extremsommers sind laut VGT rund 30.000 Unterschriften dazugekommen. Der Tierschutzverein setzt sich dafür ein, dass Fiakerpferde künftig bereits ab 30 statt wie bisher ab 35 Grad hitzefrei bekommen.
Pferde müssen bis 35 Grad "arbeiten"
Derzeit dürfen Fiaker in Wien grundsätzlich zwischen 10 und 23 Uhr im Einsatz sein, wobei für bestellte Fahrten Ausnahmen gelten. Erst wenn die Temperatur in der Innenstadt 35 Grad erreicht, müssen die Standplätze geräumt und der Betrieb eingestellt werden. Die Pferde müssen dann allerdings noch den Heimweg zum Stall zurücklegen.
Besonders problematisch findet der VGT, dass die Temperatur im Schatten gemessen wird, während die Tiere auf den Straßen der Hitze ausgesetzt sind. Der Asphalt könne sich in der Sonne auf bis zu 50 Grad aufheizen. Eine vom Verein angeführte kanadische Untersuchung aus dem Jahr 2010 zeigt zudem, dass Pferde bei körperlicher Belastung durch Hitze deutlich schneller überhitzen können als Menschen.
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Kritik an 217.000 Euro teurer Studie
Bereits 2021 hat Czernohorszky ein Fahrverbot für Fiaker ab 30 Grad ins Spiel gebracht. Statt einer Verschärfung der Regeln haben Bund und Stadt jedoch eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben, die insgesamt 217.000 Euro kostet. Deren Ergebnisse sollen Ende 2026 vorliegen und als Grundlage für weitere Entscheidungen dienen.
Doch ausgerechnet diese Studie sorgt nun für Kritik. Ursprünglich haben zwölf Pferde eines einzigen Fiakerbetriebs an der Untersuchung teilgenommen. Vier Tiere sind laut VGT während der Erhebungen ausgeschieden, sodass zuletzt nur noch acht Pferde untersucht wurden.
Hinzu kommt der Zeitpunkt der Messungen. Diese haben im August 2025 begonnen und sind bereits Mitte Juni 2026 beendet worden. Danach hat Wien laut VGT noch mehr als 40 Tage mit Temperaturen über 30 Grad erlebt, an 17 Tagen wurden sogar 35 Grad überschritten. Die besonders heiße Phase des Sommers ist damit in den Erhebungen nicht berücksichtigt worden.
Vetmed-Studie widerspricht Tierschützern
Allerdings gibt es bereits wissenschaftliche Erkenntnisse, die gegen eine Verschärfung der geltenden Regeln sprechen. Eine unabhängige Untersuchung der Veterinärmedizinischen Universität Wien aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass Fiakerpferde eine hohe Hitzetoleranz aufweisen. Unter der Leitung von Pferdesportmedizinerin Theresia Licka wurden insgesamt 58 Tiere über ein ganzes Jahr untersucht.
Bei 764 Erhebungen konnten die Wissenschafter keine auffälligen Verhaltensänderungen feststellen, wie sie für Hitzestress typisch wären. Auch die Stresshormone waren am Tag nach einem Kutscheneinsatz nicht signifikant erhöht. Bei steigenden Temperaturen nahm zwar die Atemfrequenz zu, der Puls blieb jedoch weitgehend stabil. Das Forschungsteam wertet dies als Hinweis auf eine funktionierende körpereigene Kühlung.
Die aus Eigenmitteln der Universität finanzierte Studie liefert damit ein anderes Bild als jenes, das der VGT zeichnet.
Auch die Wiener Fiakerunternehmen sahen sich durch die Untersuchung in ihrer Haltung bestätigt. Der VGT hält dennoch an der Forderung nach strengeren Regeln fest. Das Einspannen von Pferden über viele Stunden bei großer Hitze sei grundsätzlich nicht artgerecht, argumentiert der Verein.
Andere Städte verschärfen Regeln
Während Wien auf die Ergebnisse der neuen Studie wartet, haben andere Städte bereits Maßnahmen ergriffen. In Brüssel sind die Pferdekutschen bei Stadtrundfahrten seit 2024 durch elektrische Fahrzeuge ersetzt worden. Rom hat strengere Hitzeregeln eingeführt und bietet Kutschern die Möglichkeit, auf das Taxigewerbe umzusteigen.
Auch in New York steht eine grundlegende Änderung bevor. Am Donnerstag stimmt der Stadtrat über ein Verbot von Pferdekutschen ab, das bis Juni 2028 umgesetzt werden soll. Bürgermeister Zohran Mamdani unterstützt das Vorhaben, auch eine Mehrheit im Stadtrat hat bereits Zustimmung signalisiert.
"So wie Wien momentan mit seinen Pferden umgeht, kann es nicht weitergehen!", kritisiert VGT-Fiaker-Campaigner Georg Prinz, der bei der Petitionsübergabe dabei war. Rückhalt sieht der Tierschutzverein auch in der Bevölkerung. Laut einer vom VGT angeführten repräsentativen Umfrage sprechen sich 76 Prozent der Befragten für ein Hitzefrei für Fiakerpferde aus.
Runder Tisch für Anfang 2027 geplant
Wie es mit den Wiener Fiakern weitergeht, soll sich nach Veröffentlichung der neuen Studie zeigen. Bei der Übergabe der Unterschriften hat der VGT jedenfalls die Zusage erhalten, an einem Runden Tisch mit den beteiligten Dienststellen und dem Forschungsteam teilnehmen zu dürfen. Das Treffen ist für Anfang 2027 vorgesehen. Der Tierschutzverein will dort erneut auf strengere Regeln drängen.
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