Er schließt kurz die Augen, knetet die Hände, dann ist es vorbei. So erlebte Josef Fritzl den Urteilsspruch gegen ihn. Um 14.12 Uhr ist vom einstigen Monster nichts mehr übrig.
St. Pölten. Donnerstag um 14.03 Uhr wurde der Schwurgerichtssaal 119 von St. Pölten zur Bühne. In den Sitzreihen drängten sich die 95 akkreditierten Reporter, aber erstmals seit Prozessbeginn war auch kein Stehplatz mehr frei. Drei Dutzend Gerichtspraktikanten waren gekommen, um den Urteilsspruch gegen Josef Fritzl mitzuerleben
Und auch der fesche Ehemann von Richterin Andrea Humer stand an einer Wand, um beim größten Moment im Berufsleben seiner Gemahlin dabei zu sein.
Um 14.08 Uhr führten elf Justizwachebeamten den Angeklagten in den Saal, und der 73-Jährige versuchte nicht mehr, sein Gesicht vor den Kameras zu verbergen. Wie auf Schnüren stakste der blasse Greis im Zentrum der uniformierten Eskorte zu seinem Platz. Der Blick starr, die Bewegungen verzögert, als wären Geist und Körper durch Medikamente sediert.
Möglich freilich auch, dass Fritzl noch unter dem Eindruck des Vormittags stand – seines letzten als Mann, für den die Unschuldsvermutung gilt. Denn da führten ihm zwei Frauen noch einmal seine erbärmlichen Verbrechen vor Augen. Staatsanwältin Christiane Burkheiser begann ihr Plädoyer damit, dass ein Großteil der Anklagepunkte – Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Nötigung, Blutschande – außer Diskussion stünde, und erntete zwei Nicker auf der Geschworenenbank und Brauenzucken des Angeklagten.
„Sklavenähnliche Lage“. Dann ersuchte sie die Laienrichter um einen Schuldspruch zum Vorwurf des Sklavenhandels. Denn er habe seine Tochter E. im Verlies in eine „sklavenähnliche Lage“ gebracht: „Über Jahre hinweg bestand ihr Leben im Kellerloch aus: Tür geht auf, Licht an, Vergewaltigung, Blicke auf den Schimmel an den Wänden, Licht aus, Tür zu. Der Angeklagte hat sie wie sind Eigentum behandelt.“
Fritzl senkt den Blick. Und er knetet seine Hände, als die Anklägerin ausführt, er sei auch ein Mörder. Denn er habe 1996 im Verlies 66 Stunden lang ohne zu helfen zugesehen, wie sein Baby M. mit massiven Atemproblemen im Todeskampf lag. Die Staatsanwältin fixiert Fritzl, als sie zu den Geschworenen sagt: „Dieser Mann ist ein Meister der Manipulation. Lassen Sie sich nicht von seinem Geständnis täuschen.“ Denn dem Gesetz nach hat der Horror-Vater nur unterlassene Hilfeleistung oder fahrlässige Tötung zugegeben, als er sagte: „Ich habe geglaubt, der Bub kommt schon durch.“
24 Jahre gefangen. Aber das Gericht hat über Mord zu entscheiden. Burkheiser zu den Laienrichtern: „1984 hat er seine Tochter gebeten, mit ihm eine Tür in den Keller zu tragen. Aber dort nahm er sie dann 24 Jahre gefangen. ÂTragen Sie ihm jetzt durch Ihr Urteil nicht die Tür.“
Regungslos lauscht der Mann auf der Anklagebank dann dem verzweifelten Versuch seines Anwalts Rudolf Mayer, die Mordanklage zu erschüttern: „Am 28. April 1996 hat die Tochter in ihr Tagebuch geschrieben: 18.50 Uhr Geburt. Am 29. April steht da: Habe Gitterbett bekommen. Am 30. April: Die Zwillinge heißen Michael und Alexander. Und am 1. Mai: Michael ist gestorben.“
Doch der Schluss des Verteidigers lässt die Geschworenen kalt: „Bringt ein Mann ein Gitterbett in den Keller, wenn er das Kind sterben lassen will?“ Auch Fritzl wirkt nicht, als würde ihn das Âinteressieren.
Wirkung zeigt er erst, als der Besuch seines Opfers E. am Dienstag vor Gericht zur Sprache kommt. Denn in ihrem Plädoyer (siehe rechts) lässt Opferanwältin Eva Plaz durchblicken, dass sich die Tochter lebenslange Haft für ihren Peiniger wünscht.
„Das wäre Macht“. Fritzl schließt die Augen, als die Anwältin die Geschworenen ersucht: „Denken sie an die Machtfantasien des Angeklagten. Wenn er sie vor den Augen der Welt manipulieren könnte – das wäre Macht!“
Um 14.12 hört Fritzl, was die Beratung der Geschworenen ergeben hat: Einstimmig in allen Anklagepunkten schuldig. Im Schlusswort hat er gesagt: „Ich bereue tief, was ich getan habe. Aber ich kann es leider nicht ungeschehen machen.“Â
Ruhig hört er zu, wie ihn Richterin Andrea Humer zu lebenslanger Haft verurteilt. Und trotz dreimaliger Belehrung über sein Recht auf Bedenkzeit sagt Josef Fritzl: „Ich nehme das Urteil an.“ Als er abgeführt wird, ist vom Monster nichts mehr übrig.
Der Horror-Vater wirkt da auf mich wie ein Mann, der auf dieser Welt nichts mehr verloren hat.
ein deutscher Anwalt hat Anzeige gegen Frau Fritzl zum Thema Mittäterschaft erstattet. Ich hoffe, er stößt auf offene Ohren.





Wolfgang Höllrigl

wegsperren und aus!